Steilrinnen im Portrait: Canalone Neri

Schnee und Fels in Perfektion

von Bergwärts Expertin Claudia Timm

Die Canale Neri in der Brentagruppe ist wohl eine der schönsten und vollkommensten Rinnen der Alpen. Doch diese Perfektion hat ihren Preis.

Die Canalone Neri an der Cima Tosa ist ein wahres Prachtexemplar für Rinnensammler.
Die Canalone Neri an der Cima Tosa ist ein wahres Prachtexemplar für Rinnensammler. Copyright: Wikimedia Commons – Alessandro Vellere

Der Charakter der Rinne

Eine nahezu senkrechte Rutschbahn mit einem durchschnittlichen Gefälle von 45° bis 50° Grad, eingebettet zwischen zwei 800 Meter hohen Felswände – das sind die beeindruckend Eckdaten der Canalone Neri an der Cima Tosa, dem höchsten Gipfel der Brentagruppe. Wer die legendäre Steilrinne abfahren möchte, sollte sich sehr gut mit Steigeisen und Eisgeräten auskennen, denn der gut 900 Höhenmeter lange, und sehr steile Anstieg wird größtenteils zu Fuß absolviert.

Die wichtigsten Fakten im Überblick

  • Land: Italien
  • Berg: Cima Tosa
  • Talort: Madonna di Campiglio
  • Übernachten: Refugio Brentei
  • Exposition: Nord bis Nordost
  • Gefälle: > 45° bis 50° Grad
  • Schwierigkeit: +++++ von +++++
  • Höhenmeter: 960 hm ab der Hütte
  • Beste Jahreszeit: März bis Mai

Der genaue Routenverlauf

Zustieg:

Von der Malga Brenta Bassa geht es auf der flachen Forststraße in südöstlicher Richtung zur Talstation der Materialseilbahn des Refugio Brentei. Dort quert man den Bach und folgt dem Sommerweg zur Malga Brenta Alta (ggf. Steigeisen erforderlich). Weiter nach Südosten, vorbei an einem kleinen See und entweder über die schmale Rinne oder rechts von dieser zum Refugio Brentei.

Aufstieg:

Von der Hütte gut 100 Höhenmeter ins Val Brenta abfahren und – soweit wie möglich – mit Ski und Fellen zum Einstieg der Rinne aufsteigen. Spätestens an der Schlüsselstelle – einem steilen, markanten Eisbuckel – ist es ratsam, auf Steigeisen zu wechseln und die Eisgeräte in die Hand zu nehmen. Je nach Schneeverhältnissen empfiehlt sich hier eine kurze Sicherung. Nach dem Eisbuckel wird die Rinne noch einmal etwas flacher, bevor sie kurz vor dem Ausstieg nochmal aufsteilt. Über das Gipfelplateau erreicht man in wenigen Schritten die 3.136 Meter hohe Cima Tosa.

Abfahrt:

Abgefahren wird natürlich auch in der Rinne. Eventuell muss am Eisbuckel kurz abgeseilt werden. Vom Auslauf der Rinne durch das Val Brenta nach Nordwesten fahren. Dann kurz oberhalb der Malga Brenta Alta queren und durch den Wald wieder zur Scala di Brenta abfahren. Ggf. müssen hier die Ski im Abstieg kurz getragen werden. Wenig später gelangt man über die flache Forststraße zurück zum Parkplatz.

Jetzt heißt es, Nerven behalten! Bei der Einfahrt in die Canalone Neri, muss man erst einmal tief durchatmen.
Jetzt heißt es, Nerven behalten! Bei der Einfahrt in die Canalone Neri, muss man erst einmal tief durchatmen. Copyright: Wikimedia Commons – stoppista

Welche Varianten gibt es?

Bei wenig Schnee ist es meist günstiger, den Hüttenzustieg vom Parkplatz an der Malga Valesinella anzugehen und dem Sommerweg zum Refugio Brentei zu folgen. Man spart sich dabei einiges an Höhenmetern, doch müssen einige steile, oft eisige Passagen mit Steigeisen bewältigt werden.

Welche Schlüsselstellen sorgen für Adrenalin?

Der oft blanke Eisbuckel im ersten Drittel der Rinne wird meist links oder rechts überklettert. Bei eisigen Verhältnissen empfiehlt es sich, die Passage kurz abzusichern. Ab der Hütte befindet sich fast der komplette Zustieg im vergletscherten Gelände. Also vor und in der Rinne auf Spalten und den Bergschrund achten.

Warum abfahren?

Spätestens bei der Einfahrt in die Rinne wird einem bewusst, was das Besondere an der Canalone Neri ist: Nicht unbedingt die Steilheit von bis zu 50° Grad, sondern ihr kerzengerader Verlauf und die Felswände, die sich rechts und links der Rinne mehrere hundert Meter hoch erheben. Mal ehrlich: Wem rutscht bei so einem Eiskanal nicht einen Moment das Herz in die Hose?

Wo übernachten?

Der Winterraum des Rifugio Brentei ist nicht sehr groß und bietet lediglich Matratzen. Schlafsack, Essen und einen Kocher sollte man also selbst mitbringen.

Welche Ausrüstung mitnehmen?

Harscheisen, Steigeisen, Pickel  bzw. Eisgeräte, Seil, Eisschrauben, Klettergurt, Karabiner und Helm sollten bei dieser Tour in jedem Fall dabei sein. Wer im Rifugio Brentei übernachtet, braucht zusätzlich einen Schlafsack, Kochgelegenheit und Essen.

Wie hinkommen?

Auf der Brennerautobahn nach Bozen und weiter nach Mezzocorona. Dann durch das Val di Sole und über Dimaro nach Madonna die Campiglio. Durch den Ort fahren, ein Stück bergab und über eine kleine Straße zur Talstation des Sesselliftes und weiter auf einem Waldweg zum Piazza delle Bore. Weiter Richtung Malga Brenta Bassa, je nach Schneelage kann weiter oder weniger weit ins Tal hineingefahren werden.

Interessant zu wissen

Die Canalone Neri wurde 1970 vom legendären Extrem-Skifahrer und Alpinisten Heini Holzer erstbefahren.

Lernen und inspirieren lassen

Du willst mehr über das Steilrinnenfahren wissen? Dann stöbere durch unsere Tipps und erfahre, worauf du in steilen Rinnen achten musst. Zusätzlich findest du hier weitere Inspirationen für deine nächsten Touren.

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