Finger weg von der Belagskante!

Warum Experten davon abraten, die belagseitige Skikante selbst zu schleifen

Für den Spaß und die Sicherheit im Schnee ist es wichtig, dass man seine Ski pflegt und regelmäßig tunt. Denn wenn die Kanten stumpf sind oder der Belag trocken ist, bringt der beste Ski nichts. Wer beim Kantenschleifen und Wachseln am liebsten selbst Hand anlegt, sollte ein paar Grundregeln beachten. Die vielleicht wichtigste lautet: Finger weg von der Belagskante! Wir sagen Dir, warum.

SEITENKANTE ≠ BELAGSKANTE

Du willst Deinen Ski etwas Gutes tun und ihnen einen gescheiten Service verpassen? Gut. Aber bevor Du Dich an stumpfen oder rostigen Kanten zu schaffen machst, beachte bitte eines: Feile auf keinen Fall an den Belagskanten Deiner Ski herum – dadurch wird die Kante nicht schärfer! 

Vor allem Skifahrer, die sich zum ersten Mal beim Kantenschleifen versuchen, aber auch erfahrene, übereifrige Heimtuner machen häufig einen entscheidenden Fehler, wenn sie die Feile in die Hand nehmen: Sie unterscheiden nicht zwischen den Seitenkanten und den Belagskanten des Skis. Sie schleifen beide Kanten, um sie für brettlharte Pisten messerscharf zu machen. Leider schadet das der Skiperformance mehr als dass es nützt.

KANTENSCHÄRFE UND REAKTIONSFREUDIGKEIT

„Wenn Du an der belagseitigen Kante herumfeilst, veränderst Du den Unterkantenwinkel, und das hat einen Einfluss auf die Reaktions- bzw. Drehfreudigkeit.", weiß Siegfried Rumpfhuber, Geschäftsführer von ORIGINAL+ und Eigentümer des O+ Service Centers in Salzburg. 

Wer den Unterschied zwischen Kantenschärfe und Reaktionsfreudigkeit verstehen will, muss sich mit Kantenwinkeln auseinandersetzen und verstehen, wie der seitliche und der belagseitige Kantenwinkel zusammenspielen, wenn man den Ski zum Carven bringt. Kurz gesagt: Hier kommt Mathematik ins Spiel. Aber da vermutlich niemand Lust hat, beim Skituning zu rechnen, haben wir einen kleinen Spickzettel für Dich. 

WIE MAN DEN KANTENWINKEL EINES SKIS BERECHNET

Ski haben zwei Arten von Kanten: die Seitenkante und die Belagskante (oder Unterkante). Jede erfüllt einen anderen Zweck und ist daher unterschiedlich abgeschrägt:  

  • Der Winkel der Seitenkante ist für die Effektivität der Kante entscheidend, d. h. wie weit man den Ski bzw. die Kante in die Kurve kippen kann, bevor sie den Halt verliert.  
  • Der Winkel der belagseitigen Kante gibt an, wie nah die Spitze der Kante am Schnee ist. Je größer der Winkel, desto weiter der Weg zum Schneekontakt. Der belagseitige Kantenwinkel bestimmt die Drehfreudigkeit der Kante.  

Beides zusammen ergibt einen spitzen Winkel, und das ist der effektive Kantenwinkel Deines Skis. 

So berechnest du den effektiven Kantenwinkel Deines Skis: 

Effektiver Kantenwinkel = (90 + belagseitiger Kantenwinkel) – seitlicher Kantenwinkel 

Die meisten handelsüblichen Ski werden im Werk so getunt, dass sie einen Seitenkantenwinkel von 2° und einen Unterkantenwinkel von 1° haben, d. h. sie werden mit einem effektiven Kantenwinkel von 89° ausgeliefert. Je kleiner der Winkel, desto schärfer die Kante – Rennski haben in der Regel einen aggressiveren Schliff und einen kleineren effektiven Kantenwinkel. 

Hier stimmt natürlich folgendes: Je spitzer der Winkel, desto schärfer die Kante. Es wird aber gerne vergessen, dass ein sehr spitzer Winkel gleichzeitig aber auch schneller wieder unscharf wird. Optimal ist dabei das, was zu Deinem Einsatzbereich passt.  

TIPPS VOM PROFI

  • Die Seitenkanten schleifen:

Verwende einen Kantenschleifer, der auf den seitlichen Kantenwinkel Deines Skis (wahrscheinlich 2°) eingestellt ist (also verwende einen 88° Kantenschleifer). 

  • Setze keine Feile an der Unterkante des Skis an:

Selbst wenn Du einen Belagskanten-Feilenhalter verwendest, um den seitlichen Kantenwinkel zu bearbeiten – Du nimmst in jedem Fall Kantenmaterial weg, ohne gleichzeitig Belagsmaterial zu entfernen. Das führt zu einem größeren Kantenwinkel als auf dem Feilenhalter angegeben. Das Ergebnis: Deine Ski deutlich werden weniger reaktions- und drehfreudig sein, auch wenn sie sich im ersten Moment „scharf" anfühlen. 

Dieses Problem kann nur durch einen Steinschliff behoben werden, also einer professionellen Skischleifmaschine: Sie macht in einem ersten Schritt die gesamte Belagsseite wieder plan (bringt also den Belag und die Stahlkanten wieder auf eine plane Ebene); und darauf wird dann auf einer Kantentuningmaschine mit einem präzise schräg gestellten Aggregat nur die Kante leicht angeschrägt.  

  • Weniger, dafür öfter:

Behandle Deine Seiten- und Unterkanten regelmäßig mit einer Diamantfeile, um feine Grate zu entfernen; verwende dabei immer einen Feilenhalter. 

  • Wenn sich irgendetwas komisch anfühlt:

Dann ist es Zeit für ein professionelles Tuning! Wenn sich die Kanten stumpf anfühlen, der Ski am Schnee leicht verkantet oder wenig reaktionsfreudig ist, müssen die Kanten höchstwahrscheinlich professionell nachgeschliffen werden. 

MYTHEN AUFGELÖST

  • Kommunizierter Kantwinkel ist nicht echter Kantwinkel:

Rennläufer im Fernsehen, Websites der Skifirmen: Oft werden Kantwinkel angeben – und meist wird dabei von dem Winkel gesprochen, auf den die jeweilige Maschine oder das Handgerät eingestellt war. Effektiv messen wir in unserem Prüflabor oft davon stark abweichende Winkel. Vor allem im Skirennlauf werden hier oft Dinge kommuniziert („Null Grad“, „Halbes Grad abgehängt“, usw.), die unsere Labormessungen nicht bestätigen. Und das ist gut so, weil wir hier ja beim Skifahren, und nicht beim Schlittschuhlaufen oder Rodeln sind.

  • Schärfer ist besser:

Njet. Der Einsatzbereich bestimmt den optimalen Kantwinkel. Bspw. ein Renntuning mit sehr spitzem Kantwinkel ist auf einem Tourenski doppelt kontraproduktiv: erstens wird der Ski für Geländefahrten zu aggressiv; gleichzeitig wird die Standzeit der Kante zu kurz für dauerhaftes Vergnügen. 

  • Achte auf Deine Seitenwangen:

Es gibt grob 2 Arten von Seitenwangen: Kunststoffseitenwangen und Verbundstoffseitenwangen. Kunststoffseitenwangen (übliche Materialien sind ABS und PU) sind sehr flexibel, dämpfen gut und sind bei Schlägen elastischer. Sie kommen auf 99% aller Ski zum Einsatz. Erkennungsmerkmal: Sie können eingefärbt werden, d.h. alle färbigen Seitenwangen (rot, gelb, etc.) sind definitiv aus Kunststoff. Verbundstoffseitenwangen bestehen aus harzgetränkten Fasermatten. Sie sind außerordentlich steif, stabil und hochfest. Erkennungsmerkmal: Es gibt sie ausschließlich in schwarz oder weiß (abhängig von verwendetem Harz: sogenannte Phenol-Seitenwangen sind schwarz, Melamin-Seitenwangen sind weiß).

Weiteres Erkennungsmerkmal: sie werden fast ausschließlich in Weltcup-Rennski verbaut. Oder hast Du im Fernsehen schon mal (schnelle) Rennfahrer mit bunten Seitenwangen gesehen? Was haben nun die Seitenwagen mit den Stahlkanten zu tun? Nun, die Seitenwangen sind die wichtigste Stütze der Stahlkanten. Generell tendieren Ski mit Kunststoffseitenwangen dazu, dass mit der Zeit die Stahlkanten leicht nachsinken, der belagsseitige Kantwinkel somit größer wird. Bei älteren Skimodellen kann das ohne Service auch in Richtung -3° gehen. Ski ohne Verbundstoffseitenwangen sollten somit öfters auf Skiservicemaschinen wieder plangeschliffen werden.

O+ SERVICE CENTER

Wir helfen Dir gerne weiter. In unserem O+ Service Center in Salzburg bekommst Du ein komplett individuelles Skiservice für Deine Ski.

Und auch wenn Du lieber selbst Hand anlegen willst, haben wir das passende Zubehör für Dich. Wir verkaufen hochwertige SKIWACHSE, TUNING-ZUBEHÖR UND WERKZEUG, damit Du Deine Ski zu Hause optimal präparieren kannst.

Wir freuen uns auf Deinen Besuch!

Zurück