ABGEFAHREN: Alles über Steilrinnen

Die Königsdisziplin des Skibergsteigens.

von Bergwärts Expertin Claudia Timm

Die Abfahrt in einer steilen Rinne, welche rechts und links von Felswänden begrenzt wird, ist für jeden Skitourengeher ein unvergeßliches Erlebnis. Doch worin liegt der Unterschied zwischen einer klassischen Skitour und einer Steilrinne? In diesem Beitrag haben wir für Euch in Form von Frage & Antwort einige wichtige Tipps gesammelt, wie der Einstieg ins Steilrinnenfahren mit Sicherheit gelingt.

Wann werden Rinnen grundsätzlich am besten befahren?

Leider gibt es auf diese Frage keine einfache Antwort. Eine feste Regel, wann die Befahrung von steilen Rinnen am günstigsten ist, gibt es nicht. Zu vielfältig sind die Faktoren, welche die Verhältnisse auf einer Skitour beeinflussen: Wind, Temperaturen, Schneefall halten sich nicht an Jahreszeiten. So kann es auch im April heftige Schneefälle geben und innerhalb von Stunden der tiefste Winter einkehren. Im Frühjahr präsentiert sich die Schneedecke jedoch im allgemeinen am stabilsten: In klaren Nächsten friert sie durch und firnt erst im Laufe der Tages, mit steigenden Temperaturen auf. Die Lawinengefahr ist dann in der Regel mässig bis gering. Dafür steigt allerdings das Absturzrisiko in hart gefrorenen Steilflanken. Ein sicherer Umgang mit Steigeisen und Pickel ist bei solchen Verhältnissen absolute Pflicht. Dagegen erfordert das Befahren von Steilrinnen im Pulver ein wesentlich höheres Maß an lawinenkundlichem Beurteilungsvermögen.

Ist die Lawinengefahr in Rinnen anders zu beurteilen als auf normalen Hängen?

Die Faktoren einer Lawinenbildung sind in einer Rinne die gleichen wie in anderen Steilhängen. Doch wird die Lawinengefahr in Rinnen oft länger konserviert z.B. weil weniger Sonne in die Rinne gelangt. Zudem sind Rinnen aufgrund ihrer Kammnähe mehr gefährdet für Triebschneeansammlungen – auch weil es häufig zu hangparallelen Einwehungen kommt. Im Gegensatz zu Flanken, haben Rinnen oft mehrere Expositionen. Dadurch können innerhalb einer Rinne die unterschiedlichsten Schneeverhältnisse herrschen. Das Befahren von Rinnen erfordert deshalb ein überdurchschnittlich hohes lawinenkundliches Wissen.

Welche Entscheidungshilfen gibt es für die Frage, ob man sich eine Rinne zutrauen kann?

Mittlerweile hat sich in der Alpinliteratur eine ziemlich einheitliche und zutreffende Schwierigkeitsskala für die Bewertung von Steilwandabfahrten herausgebildet. Man sollte aber auf jeden Fall bedenken, dass ungünstige Schneeverhältnisse die Schwierigkeit deutlich erhöhen können. Ist es z. B. eisig und die Schneeoberfläche unruhig, kann eine vermeintlich leichte Abfahrt schnell zur gefährlichen Rutschpartie werden. Deshalb sollte man in Anbetracht der nicht bis ins letzte Detail kalkulierbaren Verhältnisse immer eine Sicherheitsreserve einplanen.

Aufstieg in der Rinne oder über eine Alternativroute: Was ist besser?

Sofern der Einstieg der Rinne über eine leichte Alternativroute erreicht werden kann, ist diese Variante zu bevorzugen. Man hat dann zwar den Nachteil, dass man die Verhältnisse in der Rinne für die Abfahrt nicht kennt, man profitiert jedoch vom kraftsparenden und sicheren Aufstieg – das ist gerade dann wichtig, wenn größere bzw. mehrere Gruppen unterwegs sind.

Welche besonderen Techniken und Ausrüstungsgegenstände braucht man, um in einer Rinne aufzusteigen?

Ist der Aufstieg nur über die Rinne möglich, kann er – je nach Schneeverhältnissen und Gelenkigkeit – mit Ski erfolgen. Voraussetzung dafür ist eine solide Spitzkehrentechnik sowie ein gewisses Maß an Trittsicherheit und Nervenstärke. Im Zweifel lieber die Ski schultern als sich von einer Spitzkehre zur nächsten zu zittern. Ist die Rinne eisig, sind Harscheisen Pflicht. Auch Pickel und Steigeisen gehören beim Steilrinnengehen zur Standardausrüstung. Gibt es in der Rinne steile oder stark vereiste Aufschwünge dann sorgt ein Seil für zusätzliche Sicherheit.

Wie geht man die Abfahrt am besten an?

Das eigene skifahrerische Können muss natürlich schon in der Planungsphase mit der Schwierigkeit der geplanten Tour abgeglichen werden. Hier sollte man unbedingt eine Sicherheitsreserve einkalkulieren, da die erwarteten Verhältnisse von den tatsächlichen Gegebenheiten abweichen können. Grundsätzlich ist für übertriebenen Ehrgeiz oder Selbstüberschätzung in Steilrinnen kein Platz. Deshalb die Abfahrt im Zweifel lieber defensiv angehen und einer sicheren Skitechnik den Vorrang geben. Gerade die ersten Meter nach der Einfahrt sollte man dafür nutzen sich auf das Gelände und vorherrschenden Schneeverhältnisse einzustellen.

Und wenn der Ernstfall eintritt? Was tun bei einem Sturz in der Rinne?

Stürze in der Rinne versucht man natürlich soweit wie möglich zu vermeiden – im Aufstieg wie bei der Abfahrt. Kommt es doch mal zum Ernstfall, kann nur noch die richtige Ausrüstung helfen: Bei der Abfahrt sollte auf jeden Fall ein Helm getragen werden. Besteht Steinschlaggefahr oder befinden sich mehrere Personen in der Rinne, kann der Helm auch im Aufstieg nicht schaden. Dazu kommt eine entsprechende Bekleidung. Auch bei Schönwetter sollte nicht auf langärmlige Bekleidung und Handschuhe verzichtet werden. Wichtig ist darüber hinaus eine korrekte Bindungseinstellung und die richtige Skiwahl: Die Ski sollten sich auf keinen Fall lösen und der Ski sollte hinsichtlich Gewicht, Breite, Steifigkeit und Taillierung für steiles, technisches und enges Gelände geeignet sein. In sehr steilen und eisigen Abfahrten kann es hilfreich sein, nur mit einem Skistock abzufahren, und in die andere Hand einen Pickel zu nehmen. Hier gilt es sorgfältig zwischen Verletzungs- und Absturzgefahr abzuwägen.

Wie kann man sich auf die Befahrung von Steilrinnen vorbereiten?

Die ersten Steilrinnen befährt man am besten gemeinsam mit erfahrenen Skibergsteigern oder einem Bergführer. So bekommt man viele hilfreiche Tipps und kann sich langsam an das Thema herantasten. Einen guten theoretischen Überblick bietet die kostenlose Beitragsreihe auf bergundsteigen.com zu den Themen: Skialpinismus, Skialpinismus – Seil- und Sicherungstechnik und skitechnische Schwierigkeiten. Wer sich gerne in das Leben einer Steilwandlegende einlesen will, dem sei das Buch „Mein Leben, meine Spur“ von Heini Holzer empfohlen.

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